Ermutingungswort 27. Dezember 2020

Weihnachten – in Corona- Zeiten?

Ich weiß noch sehr gut, wie ich doch lachen musste als einer im März zu Beginn des Lockdowns sagte: „Was werden wir uns freuen, wenn wir uns alle beim Weihnachtsmarkt wieder in die Arme fallen dürfen!“ Weit gefehlt und jetzt bin ich wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt: ich umarme keinen und einen Weihnachtsmarkt gab es nicht.

Die Einschränkungen der letzten Wochen haben Menschen noch einmal richtig in die Knie gehen lassen. Auch in den Kirchengemeinden wurde gerungen und diskutiert über unsere Angebote zu Weihnachten. Wir wissen, wir haben die Aufgabe von Gottes Kommen zu Weihnachten zu erzählen.

Advent und Weihnachten – wir brauchen nicht lange zu überlegen, warum Menschen so sehr von diesem Fest berührt sind.

Die Dichterin Selma Lagerlöf beschreibt Weihnachten als Heimatgeschichte - Sie beschreibt nämlich auf einfache und berührende Weise, was und wo Heimat ist – Heimat ist da, wo einem die Menschen, die Tiere und die Dinge freundlich entgegenkommen; Heimat ist da, wo einem die Welt vertraut ist oder vertrauenswürdig begegnet und wo das potenziell Gefährliche nicht gefährlich ist.

Selma Lagerlöfs Geschichte erzählt von einer Nacht, in der die Hunde nicht beißen und die Schafe nicht erschrecken, in der die Lanze nicht tötet und glühende Kohlen nicht verbrennen; der Vater des neugeborenen Kindes kann die Kohlen mit bloßen Händen nehmen und in seinen Mantel legen, ohne ihn zu versengen. Er will mit dem Feuer Frau und Kind wärmen. Die Geschichte erzählt von einer Nacht, in der die Menschen und die Dinge keine Gefahr darstellen und einem zugeneigt sind. Das ist Heimat.

Die Pandemie ist die Geschichte des Gegenteils. Corona nimmt uns die Heimat: Jeder, der uns zu nahe kommt, ist eine potentielle Gefahr; man geht daher auf Abstand zu allen, man begegnet sich mit Maske und vermeidet Kontakt, sei es beim Einkaufen, beim Wandern, oder beim Joggen. Wenn einer an der Supermarktkasse zu nahe an uns herantritt, werden wir nervös. Und man selbst spürt böse Blicke, wenn man sich auf Unbekannte zubewegt.

In der westlichen Kultur war das Händeschütteln ein Ritual, um anfängliche Unsicherheit zwischen zwei Menschen zu überbrücken, zeigt es doch dem anderen: Sieh, ich trage keine Waffe in der Hand. Und jetzt wird genau das Händeschütteln fast schon zur Waffe.

Corona hat nicht nur eine andere Beziehung zu den Mitmenschen hergestellt. Corona stellt eine andere Weltbeziehung her. Corona macht Flächen zu Angriffsflächen, die Tiere zu Virenträgern, die Dinge zu Bedrohungen. Sie werden zu Gegenständen, die man zuvor behandeln, also desinfizieren muss.

Heimat aber ist da, wo ich eine unmittelbare Beziehung zu den Dingen habe. Zwischen diese Unmittelbarkeit tritt nun die Desinfektion, tritt der Abstand. Die Welt wird fremd.

Corona ist die Entfremdung von bisherigen Selbstverständlichkeiten und Gewohnheiten. Die alten Unbefangenheiten sind verschwunden, weil Geselligkeit jetzt Gesundheit gefährdet und daher zu Feindseligkeit führt; Corona ist – die Vertreibung aus dem gewohnten Alltag – und ich meine, dass diese Entfremdung, Entheimung uns in besonderer Weise Weihnachten treffen wird. Wie gelingt uns eine „Neue Heimat“ zu Weihnachten zu erleben?

Wie gelingt es uns, dass ein Stück „Wärme“, Angenommensein und Distanz überwunden werden kann. Wie gelingt es Freude entstehen zu lassen, dem Jubel der Geburt des Gotteskindes einen Raum zu geben.

Möglicherweise gelingt es uns in diesen Tagen neu zu entdecken, dass mit dem Weihnachtsfest Gott auf uns zukommt. Möglicherweise bereiten wir uns gelassener und doch intensiver vor, so dass wir genauer sehen, was Gott mit uns da macht und wie er an uns arbeitet.

Möglicherweise brauchen wir diese Zeit des Stillewerdens, um zu hören, dass Gott in einem Kind zu uns spricht. Möglicherweise spüren wir den Schmerz und das Verwundbare deutlicher zu diesem Weihnachtsfest – und verlassen uns mehr darauf, dass wir in einer Gemeinschaft von Christen und Christinnen stehen, die gemeinsam Zeugnis geben können?

Könnte es sein, dass Gott uns heimsucht – unsere Heimat sucht?

Wir bitten Gott, er möge uns behilflich sein, dass wir die Stille und das Heilige neu entdecken, unser kleines und endliches Sein spüren und mit Jesus neu geboren werden.

Die große Freude der Heiligen Nacht möge sich in uns breit machen. Jesus wird geboren!

 

Ihre Martina Helmer- Pham Xuan, Pröpstin.