Ermutigungs-Wort für den 29. November 2020

Worauf wartest du noch?

Worauf wartest du noch?

Worauf wartest du noch?

 

 

Liedvorschlag: „Ein Licht geht uns auf / Licht der Liebe“

Text: Eckart Bücken (1986)Melodie: Detlev Jöcker (1986)

 

 

„WORAUF WARTEST DU NOCH?“ ruft mir das Plakat an der Bushaltestelle in Großbuchstaben entgegen. Es will Werbung machen für ein Fitnessstudio. Man kann dort einen Corona-Vertrag abschließen, lese ich. Damit ist eine Mitgliedschaft unter Corona-Vorbehalt gemeint, für die ich nur dann monatlich zahlen muss, wenn ich sie auch tatsächlich nutze. Falls ich meinen Körper also für 2021 in Form bringen will, gibt es keinen (monetären) Grund, diesen Vertrag nicht abzuschließen.

 

Rückblick: Unter Corona-Vorbehalt stand in diesem Jahr so ziemlich alles. Etliche Großveranstaltungen und Privatfeiern mussten abgesagt werden. Viele Hochzeitspaare planen

mittlerweile schon zum dritten Mal ihre kirchliche Trauung oder haben den Termin auf unbekannte Zeit vertagt. Wir warten im Prinzip schon das ganze Jahr über darauf, dass das Leben, wie wir es vor Corona kannten, endlich weitergehen kann.

 

„Worauf wartest du noch?“ ruft Joseph seiner hochschwangeren Frau Maria entgegen. „Wir müssen uns auf den Weg machen, um rechtzeitig zur Volkszählung in Bethlehem zu sein.“ „Ich komme gleich,“ antwortet diese schwer atmend. „Ich suche nur noch unsere FFP2-Masken. In Bethlehem soll der Inzidenzwert schon weit über 100 liegen. Da müssen wir überall Maske tragen.“ Das könnte eine Szene aus einem Krippenspiel sein, das Hierzulande Heiligabend aufgeführt wird.

 

Ausblick: Wie es Heiligabend dann tatsächlich werden wird, kann noch keiner von uns absehen. Viele befürchten, dass es einsamer und weniger festlich sein wird als in den vergangenen Jahren. Die Planungen gestalten sich kompliziert, auch wenn die rechtlichen Vorgaben jetzt klar sind. Weil wir nicht wissen wie sich die Lage bis dahin entwickeln wird, können wir im Prinzip nur abwarten, oder?

„Worauf wartest du noch?“ ruft der bärtige in ein Hemd aus

Kamelhaar gekleidete Johannes mit fester Stimme den Leuten am Ufer des Jordan zu. „Ändere dein Leben und mach dich bereit für den, der nach mir kommt. Denn das Warten wird bald ein Ende haben.“

 

Augenblick: Damit sind wir im Advent angekommen. Am

Sonntag zünden wir die erste Kerze am Adventskranz an und öffnen ab Dienstag täglich ein Adventskalendertürchen, um uns das Warten zu verkürzen. Wenigstens das kann ich mir auch in diesem Jahr mit gutem Gewissen gönnen. Ein Stück vertraute Tradition, auf das ich mich schon freue. Ansonsten bleibt vieles gleich. Denn warten tun wir schon seit Monaten – nur worauf eigentlich? Einmal abgesehen vom allgemeinem Wunsch nach dem Ende der Pandemie.

 

An Weihnachten feiern wir Vergangenes, Zukünftiges und

Gegenwärtiges zugleich. Wir feiern die Vergangenheit, weil Jesus Christus, Gottes Sohn, unser Retter in diese Welt hineingeboren worden ist. Wir feiern die Zukunft, weil unser ganzes Leben eine Adventszeit auf seine Wiederkehr hin ist. Aber vor allem haben wir allen Grund in diesem Jahr die

Gegenwart zu feiern. Es wird sicher nicht das Bilderbuchweihnachten werden, das wir uns gern ausmalen. Und die Welt wird nach Corona auch nicht mehr dieselbe sein, wie zuvor.

Aber müsste es mit Weihnachten nicht so sein, wie mit dem Licht einer Kerze? Tagsüber macht ihr Flamme kaum einen Unterschied. Wenn ich sie jedoch mitten in der dunkelsten Stunde der Nacht betrachte, offenbart sich mir, wozu sie wirklich imstande ist. Für alle, die im Finstern stehen, leuchtet sie - ohne Vorbehalt - besonders hell. Darauf warte ich.

 

 

Tobias Crins, Pfarrer im Pfarrverband Lelm-Räbke-Warberg